Univ. Prof. Dr. Clemens Dejaco,
Facharzt für Gastroenterologie und Hepatologie

Hoffnung für CED-Betroffene
mit Kinderwunsch: Aktueller Konsens
bestätigt Sicherheit von bestimmten Biologika
während Schwangerschaft und Stillen

„Wie können ich und mein ungeborenes Kind eine Schwangerschaft, die Geburt und die Zeit danach möglichst gesund erleben?“ Diese Frage beschäftigt Frauen mit Kinderwunsch. Dies gilt umso mehr für Betroffene von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa, die Medikamente einnehmen: „Kann die Therapie auch bei Kinderwunsch, in der Schwangerschaft und Stillzeit fortgesetzt werden?“

Aktueller Konsens schafft Klarheit

Ein aktuelles Konsenspapier der Österr. Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie sowie der Österr. Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation bestätigt, dass die Einnahme von bestimmten Biologika – das sind biotechnisch, also aus lebenden Zellen, hergestellte Arzneimittel – vor, während und nach der Schwangerschaft – also auch in der Stillzeit – möglich ist. Schwangeren Patientinnen wird empfohlen – immer natürlich in Absprache mit dem behandelnden Facharzt und Gynäkologen – die Behandlung fortzuführen. Denn, eine durch die richtige Therapie erzielte Remission – also eine nicht aktive Erkrankung – ist für eine komplikationslose Schwangerschaft und die Zeit danach entscheidend.

Für Frauen mit Kinderwunsch bedeutet das eine große Erleichterung, da das Absetzen von solchen Therapien mitunter zu schweren Schüben vor oder nach der Geburt führen kann.

„Für die Entwicklung des Ungeborenen ist eine gut eingestellte Erkrankung der Mutter von besonderer Wichtigkeit. Wenn klinisch notwendig – das bestätigt auch der Konsens – ist eine Behandlung mit bestimmten Biologika während der Schwangerschaft möglich und unbedenklich. Gleiches gilt für die Stillzeit“, erklärt Univ. Prof. Dr. Clemens Dejaco, Facharzt für Gastroenterologie und Hepatologie am Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH).

Fortführen der Therapie kann für Mutter und Kind wesentlich sein

Bei einer gut eingestellten chronischen Erkrankung steht einem Kinderwunsch nichts im Wege. Die behandelnden Gastroenterologen kennen den Krankheitsverlauf ihrer Patienten und die für sie relevanten Therapien. Ihre fachärztliche Begleitung sowie eine enge Absprache mit dem Gynäkologen und eine gute Vorbereitung sind wesentliche Faktoren für einen komplikationslosen Verlauf der Schwangerschaft. In jedem Fall sollte der Kinderwunsch vorab mit ihnen besprochen werden.

„Beginnt die Schwangerschaft während eines Schubs – also einer aktiven Erkrankungsphase – so erhöht sich das Risiko einer Frühgeburt oder eines verminderten Geburtsgewichts des Kindes. Auch ist ein weiterer Schub und somit eine Zunahme der Erkrankungsaktivität möglich“, so Univ. Prof. Dr. Clemens Dejaco und führt weiter aus, „Eine Remission – also eine inaktive Erkrankung – ist deshalb das oberste Ziel, wenn es um die Planung und Fortführung einer Schwangerschaft geht.“

Eigenmächtiges Absetzen der Behandlung birgt Risiken

Keinesfalls soll die Behandlung ohne Rücksprache mit dem Facharzt eigenmächtig abgesetzt werden. „Auch wenn es ein verständlicher Wunsch ist, die Schwangerschaft so natürlich wie möglich zu erleben – wer seine Medikamente ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt absetzt, geht ein unnötiges Risiko für sein Kind ein“, bringt es Univ. Prof. Dr. Dejaco auf den Punkt.

Entscheidung wird erleichtert

Die Anfang des Jahres 2019 publizierten österreichischen Schwangerschaftsempfehlungen der Österr. Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie sowie der Österr. Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation zur Behandlung mit bestimmten Biologika bieten eine Unterstützung für die behandelnden Fachärzte und ihre Patienten mit Kinderwunsch, wie Univ. Prof. Dejaco unterstreicht: „Diese neuen Daten werden die Patientinnen in ihrem Kinderwunsch bestärken und ihnen die Entscheidung für eine Schwangerschaft erleichtern. Die kontinuierliche Weiterführung der Therapie ist ein Fortschritt in Puncto Sicherheit für alle Beteiligten und ermöglicht den Patientinnen eine hoffentlich beschwerdefreie und sorgenfreie Schwangerschaft.“

Zunahme von chronisch entzündlichen Erkrankungen

In Österreich ist von 60.000 bis 80.000 Patienten von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED), wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa auszugehen (Tendenz steigend), wobei hier zu meist Menschen in der zweiten bis vierten Lebensjahrzehnten, also im reproduktiven Alter betroffen sind.

Diesen Erkrankungen liegt eine Störung des Immunsystems (Autoimmunerkrankungen) zu Grunde, die entzündliche Prozesse auslöst. Der Verlauf ist schubweise, symptomfreie Zeiten wechseln sich mit akuten Phasen, in denen die chronische Entzündung aufflammt, ab. Bislang sind diese Krankheiten nicht heilbar.

Bemerkenswerte Therapieerfolge mit Biologika

Biologika spielen hier eine wichtige Rolle in der erfolgreichen Behandlung: Ihre Entwicklung hat das Erreichen neuer therapeutische Ziele für Betroffene ermöglicht, z.B. die Remission und damit eine größtmögliche Beschwerdefreiheit und eine hohe Lebensqualität. Biologika (wie z.B. die sogenannten TNF-Alpha-Blocker) unterdrücken zielgenau die gegen den eigenen Körper gerichteten Immunreaktionen und dämmen so ein Fortschreiten des Entzündungsprozesses und der Erkrankung ein.